Wie Orte, Menschen, Arbeit und Erinnerungen unsere Sicht auf die Welt prägen

Zwischen Herkunft und Erfahrung

Was uns prägt, entsteht selten an einem einzigen Ort. Es entwickelt sich aus Familie, Sprache, Arbeit, Musik, Architektur, Gewohnheiten und den Menschen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen. Vieles davon nehmen wir zunächst als selbstverständlich wahr. Erst wenn wir andere Länder und Lebensweisen kennenlernen, beginnen wir genauer zu verstehen, was wir aus unserer Herkunft mitgenommen haben und was später hinzugekommen ist.

In Made in Yugoslavia beschäftige ich mich deshalb nicht nur mit Industrie, Technik und bekannten Produkten. Ebenso wichtig sind Städte, Architektur, Musik, Literatur, Film, Kunst und der gesellschaftliche Alltag. Das Buch verbindet diese Bereiche bewusst miteinander, weil sie gemeinsam ein Bild davon ergeben, wie Menschen gelebt, gearbeitet und ihre Zeit wahrgenommen haben.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Kafana. Sie war weit mehr als ein gastronomischer Ort. Menschen unterschiedlicher Berufe und sozialer Hintergründe kamen dort zusammen, hörten Musik, diskutierten, feierten und teilten ihren Alltag.  Solche Orte erzählen manchmal mehr über eine Gesellschaft als offizielle Beschreibungen, weil dort sichtbar wird, wie Menschen tatsächlich miteinander umgingen.

Auch Gegenstände können zu Trägern von Erinnerung werden. Ein altes Radio, ein Telefon, ein Auto oder ein vertrautes Produkt besitzt zunächst nur eine praktische Funktion. Jahrzehnte später kann genau dieses Objekt eine ganze Zeit zurückholen. In meinem Buch beschreibe ich beispielsweise die Produkte von Iskra als Verbindung von Technik, Gestaltung und Alltag. Radios und Telefone waren nicht nur Geräte, sondern selbstverständliche Bestandteile des täglichen Lebens.

Was Gebäude und Dinge über eine Gesellschaft erzählen

Mich interessiert besonders, was Architektur über eine Epoche verrät. Gebäude zeigen nicht nur technische Möglichkeiten. Sie zeigen auch Vorstellungen von Fortschritt, Wohnen, Arbeit und öffentlichem Leben. In Made in Yugoslavia werden Städte und Bauwerke deshalb als Orte beschrieben, an denen Millionen persönlicher Geschichten stattgefunden haben und in denen sich gesellschaftliche Ambitionen widerspiegelten.

Auch Deutschland lässt sich auf diese Weise lesen. Industrialisierung und wirtschaftlicher Wandel veränderten nicht nur Unternehmen und Produktionsmethoden, sondern ebenso Städte und Landschaften. Fabriken, Bahnhöfe und Infrastruktur wurden sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung.

Für mich liegt darin ein besonderer Reiz: Wer genau hinsieht, findet Geschichte nicht nur im Museum. Man findet sie in Fassaden, Werkhallen, Bahnhöfen, alten Maschinen, Straßen und ganz gewöhnlichen Gegenständen.

Zwei Erfahrungen, die sich ergänzen

Deutschland hat meinen Blick auf einen weiteren Aspekt geschärft: die Bedeutung von handwerklicher Qualität, Ausbildung und langfristigem Denken. In Made in Germany beschreibe ich, wie viele mittelständische Unternehmen über Generationen hinweg Fachwissen, Mitarbeiterbindung, Forschung und kontinuierliche Verbesserung miteinander verbunden haben. Qualität war dort nicht nur eine Eigenschaft eines Produktes, sondern Bestandteil einer bestimmten Arbeitsweise.

Diese Haltung kenne ich auch aus meiner eigenen Familiengeschichte. Mein Großvater arbeitete in den 1980er-Jahren bei der Deutschen Bahn in Köln und brachte aus Deutschland nicht nur Werkzeuge und Maschinen mit nach Hause, sondern ebenso Erfahrungen und ein ausgeprägtes Gespür für Qualität.  Solche Einflüsse bleiben. Man übernimmt manches bewusst, anderes fast unbemerkt.

Gerade darin sehe ich den Wert unterschiedlicher Lebenswelten. Man muss sich nicht zwischen ihnen entscheiden. Man kann Gastfreundschaft, Nähe und Erinnerung aus der einen Erfahrung mit Präzision, Organisation und einem anderen Verständnis von Arbeit aus einer anderen verbinden. Daraus entsteht mit der Zeit eine eigene Haltung.

Die Vergangenheit verstehen, ohne in ihr stehen zu bleiben

Erinnerung sollte dabei nicht mit Verklärung verwechselt werden. In Made in Yugoslavia schreibe ich ausdrücklich, dass der Blick zurück nicht bedeutet, die Vergangenheit zu idealisieren. Auch diese Zeit hatte Fehler, Widersprüche und Schattenseiten. Entscheidend ist vielmehr, zu verstehen, warum bestimmte Erfahrungen bis heute nachwirken und was davon für kommende Generationen interessant bleibt.

Vielleicht ist das für mich der wichtigste Gedanke: Herkunft gibt uns einen Ausgangspunkt, aber sie legt nicht fest, wer wir bleiben müssen. Menschen verändern sich durch Reisen, Arbeit, Begegnungen und neue Erfahrungen. Sie können etwas bewahren, anderes hinterfragen und Neues aufnehmen.

Am Ende entsteht Identität deshalb nicht nur aus dem Ort, an dem man geboren wurde. Sie entsteht aus allem, was man gesehen, gelernt und verstanden hat.

Das Wertvolle liegt für mich nicht darin, zwischen verschiedenen Welten zu wählen, sondern das Beste aus ihnen zu erkennen und bewusst weiterzutragen.