Made in Yugoslavia

EIN LAND, DAS IM HERZEN WEITERLEBT

Jugoslawien existiert heute nicht mehr auf der Landkarte, und trotzdem ist es für Millionen Menschen nie ganz verschwunden. Es lebt weiter in Erinnerungen, in Familiengeschichten, in alten Fotografien, in Musik, Architektur und Gegenständen, die plötzlich eine ganze Zeit zurückbringen können. Ein Auto auf einer Straße, ein Hotel an der Adriaküste, eine Melodie aus dem Radio oder eine Geschichte, die bei einem Kaffee immer wieder erzählt wird.


Made in Yugoslavia ist eine Reise in diese Welt. Das Buch führt durch Belgrad, Sarajevo und Mostar, entlang der Adriaküste und zu Orten, die einst Teil eines gemeinsamen Landes waren. Es erzählt von Städten und Architektur, von Industrie und Ingenieurskunst, von Musik, Film und Kunst, aber ebenso vom ganz normalen Alltag der Menschen. Dabei begegnen uns Namen und Produkte, die für viele längst zu Erinnerungen geworden sind: Zastava, Yugo, Golf TAS und andere Zeugnisse einer Industrie, die weit mehr hervorgebracht hat, als heute oft noch bekannt ist.
Doch dieses Buch handelt nicht nur von Dingen. Es handelt vor allem von Menschen, von einer Generation, die dieses Land erlebt hat, von ihren Erinnerungen, Hoffnungen und Widersprüchen. Gleichzeitig richtet es sich auch an eine jüngere Generation, die Jugoslawien nur aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennt und verstehen möchte, was diese Zeit eigentlich bedeutet hat.

ZWISCHEN ERINNERUNG UND GESCHICHTE

Wenn Menschen heute über Jugoslawien sprechen, entstehen sehr unterschiedliche Bilder. Für manche war es eine Zeit von Gemeinschaft, Sicherheit und gesellschaftlichem Aufbruch. Andere erinnern sich an politische Grenzen, Widersprüche und Probleme eines Systems, das keineswegs frei von Konflikten war. Gerade deshalb wollte ich kein Buch schreiben, das die Vergangenheit verklärt. Mich interessiert vielmehr, warum dieses Land Jahrzehnte nach seinem Ende noch immer so viele Emotionen auslöst.
Während meiner Recherche und in vielen Gesprächen habe ich immer wieder festgestellt, dass die Antworten selten nur politisch waren. Menschen erzählten von Nachbarn, Reisen, Arbeit, Musik, Ferien, Autos, Fabriken und Begegnungen. Oft waren es gerade diese kleinen Geschichten, die mehr über eine Epoche erzählten als große historische Ereignisse.
Auch Josip Broz Tito gehört untrennbar zu dieser Geschichte. Seine Person steht wie kaum eine andere für die Entstehung, Entwicklung und internationale Position Jugoslawiens und gleichzeitig für die unterschiedlichen Bewertungen dieser Zeit. Im Buch nimmt er deshalb einen eigenen Raum ein, nicht um eine einfache Antwort zu geben, sondern um zu verstehen, warum sein Name bis heute so viele unterschiedliche Erinnerungen und Emotionen hervorruft.

ZWISCHEN INDUSTRIE, ARCHITEKTUR UND ALLTAG

Jugoslawien war nicht nur ein politisches Projekt, sondern auch ein Land der Fabriken, Ingenieure, Architekten, Designer und Arbeiter. Unternehmen produzierten Fahrzeuge, Maschinen, Möbel, Haushaltsgeräte und zahlreiche Produkte für den eigenen Markt und für den Export. Gleichzeitig wurde Architektur zum Ausdruck einer neuen Gesellschaft, während Städte, Hotels und öffentliche Gebäude einen eigenen gestalterischen Charakter entwickelten.
Das Hotel Jugoslavija steht beispielhaft für diese Welt. Einst Symbol für Modernität und internationales Selbstbewusstsein, erzählt es heute zugleich eine Geschichte von Glanz, Veränderung und Vergänglichkeit. Ähnlich verhält es sich mit dem Golf TAS aus Vogošća bei Sarajevo. Für viele war er einfach ein Auto, doch hinter ihm steckt eine Geschichte von Industrie, internationaler Zusammenarbeit und einer Produktion, die Teil des täglichen Lebens geworden ist.
Für mich wird diese Geschichte zusätzlich persönlich. Auch ich habe Erinnerungen an meinen eigenen Golf, an Momente, in denen dieses Auto eher Geduld als Begeisterung verlangt hat. Im Rückblick gehören gerade solche Erfahrungen zu den Geschichten, die einem bleiben. Vielleicht ist genau das einer der zentralen Gedanken von Made in Yugoslavia: Geschichte wird dort besonders interessant, wo sie persönlich wird.

MEHR ALS NOSTALGIE

Dieses Buch möchte Jugoslawien weder zurückholen noch romantisieren. Es möchte verstehen, wie ein Land zwischen Ost und West eine eigene politische, industrielle und kulturelle Identität entwickeln konnte, welche Rolle Architektur, Technik und gesellschaftlicher Wandel dabei spielten und warum bestimmte Produkte, Orte und Persönlichkeiten bis heute so stark im kollektiven Gedächtnis verankert sind.
Am Ende bleibt die Frage, was von einem Land bleibt, wenn seine Grenzen verschwinden. Vielleicht sind es weniger die Grenzen als die Geschichten. Die Erinnerungen, die Menschen weitergeben, die Gebäude, die noch stehen, die Musik, die noch gespielt wird, die Fahrzeuge, die plötzlich auf einem Oldtimertreffen auftauchen, und die Gespräche, die beginnen, sobald jemand sagt: „Weißt du noch damals …?“
Made in Yugoslavia ist mein Versuch, einen Teil dieser Erinnerungen festzuhalten, für diejenigen, die diese Zeit erlebt haben, und ebenso für diejenigen, die sie erst kennenlernen möchten.

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